ICD-11 und Diagnostik bei ADHS und Autismus

Wie ADHS und Autismus nach ICD-11 beurteilt werden – und warum das diagnostische Gesamtbild entscheidet.

Dr. Frank Jürgensen

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Ärztlicher Leiter von NeuroBalance

Grundlage: Die ICD-11

ADHS und Autismus werden anhand festgelegter diagnostischer Kriterien beurteilt. Grundlage ist heute die ICD-11, die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Eine Diagnose entsteht nicht durch einen einzelnen Test oder Fragebogen. Entscheidend ist, ob die erhobenen Befunde zusammen ein schlüssiges Gesamtbild ergeben.

Warum reicht ein Test allein nicht aus?

Fragebögen und standardisierte Testverfahren sind wichtige Bestandteile der Diagnostik. Ein auffälliger Wert bedeutet jedoch noch nicht automatisch, dass ADHS oder Autismus vorliegt.

Viele Merkmale – etwa Konzentrationsprobleme, Reizempfindlichkeit, innere Unruhe oder soziale Erschöpfung – können unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb werden Testergebnisse gemeinsam mit Anamnese, Entwicklungsgeschichte und möglichen anderen Erklärungen beurteilt.

Warum ist die Entwicklungsgeschichte wichtig?

ADHS und Autismus sind neuroentwicklungsbedingte Störungen. Für die Diagnostik ist deshalb wichtig, ob sich entsprechende Merkmale bereits in der Kindheit beziehungsweise frühen Entwicklung gezeigt haben.

Neben der eigenen Erinnerung können dabei Angaben von Eltern oder anderen Bezugspersonen sowie Schulzeugnisse und weitere Unterlagen wichtige Informationen liefern.

Wenn eine ausgeprägte frühe Traumatisierung die diagnostische Abgrenzung erschwert und gleichzeitig keine verlässlichen Informationen zur frühen Entwicklung vorliegen, kann eine sichere diagnostische Einordnung nicht möglich sein. In diesen Fällen empfehlen wir eine Abklärung in einem entsprechend spezialisierten Behandlungssetting.

Warum gehört Differenzialdiagnostik dazu?

Nicht jedes Symptom, das zu ADHS oder Autismus passen könnte, wird auch dadurch verursacht. Andere psychische oder körperliche Erkrankungen können ähnliche Beschwerden hervorrufen oder zusätzlich bestehen.

Deshalb werden mögliche andere Erklärungen und Begleiterkrankungen berücksichtigt. Die verschiedenen Befunde werden anschließend fachärztlich im Gesamtzusammenhang eingeordnet.

ICD-11 und ICD-10 – kann eine Diagnose übertragen werden?

Manche Institutionen benötigen weiterhin eine Diagnose nach ICD-10. Eine bestehende ICD-11-Diagnose lässt sich jedoch nicht immer einfach in einen ICD-10-Code übertragen.

Die beiden Klassifikationssysteme unterscheiden sich teilweise in ihren diagnostischen Kategorien und Kriterien. In manchen Fällen ist eine Übertragung möglich, in anderen nicht.

Diagnostik bedeutet ergebnisoffene Einordnung

Eine fundierte Diagnostik soll klären, welche diagnostische Einordnung durch die erhobenen Befunde tatsächlich getragen wird. Deshalb kann am Ende auch stehen, dass sich ein ursprünglicher Verdacht auf ADHS oder Autismus nicht bestätigt.

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